17.11.2020: Vortragsabend zur Mehrsprachigkeit

Dr. Tina Fiederich während des Online-Vortrags


"Sprache nicht abwerten, sondern immer nachfragen"

Online-Vortragsabend des AWO-Familienzentrums Kirschenstraße zur Mehrsprachigkeit

(Von Daniel Klier) Häufig nimmt die Sprache keinen allzu großen Stellenwert im Alltag ein, dabei stecken hinter dem vielseitigen Bereich reichlich Potenziale. Besonders im Kindergartenalter sollten Angebote geschaffen werden, um möglichst frühzeitig die Kinder zu fördern und ihre Talente zu erkennen. "Es ist wichtig, Kindern und Eltern ein Willkommensgefühl zu geben. Begrüßen Sie die Familien mit einem schön gestalteten Plakat in den jeweiligen Herkunftssprachen", lautete ein Tipp von Prof. Dr. Tina Friederich. Die Professorin für Pädagogik informierte in ihrem Vortrag "Mehrsprachigkeit wertschätzen und einbeziehen: Denkanstöße und Praxisanregungen für den Kita-Alltag" über ein spannendes Thema und machte vor allem bewusst, dass der Aufbau von Vertrauen die Basis des Konzeptes ist. "Erst wenn das Wohlbefinden sichergestellt ist, kann das Ausprobieren erfolgen und den Kindern ebenso die Angst genommen, vielleicht etwas falsch zu machen", berichtete die Referentin. Das AWO-Familienzentrum Kirschenstraße hatte zu dem Informationsabend eingeladen.

Eigentlich war vorgesehen, den Vortrag in der Kulturscheune abzuhalten. Aufgrund der Corona-Pandemie waren sich die Verantwortlichen aber einig, lieber auf ein Online-Format umzusteigen. Thomas Sebert, der Leiter des AWO-Familienzentrums Kirschenstraße, begrüßte die rund 20 Teilnehmer und bedankte sich außerdem beim Hessischen Sozialministerium für die finanzielle Unterstützung bei der Umstellung der Angebote in den digitalen Bereich, aber auch der Stadt Viernheim sowie dem Vorstand der Arbeiterwohlfahrt Viernheim galt ein Dank für die Herstellung der notwendigen Infrastruktur. "Ich finde Mehrsprachigkeit ist in fast allen Bildungsbereich ein großes Thema, es wird aber in vielen Familien leider noch eher negativ gesehen, obwohl es ein großer Schatz ist", hob Sebert hervor. Zudem handele es sich um eine Schlüsselqualifikation im Berufsleben. Gerne hieß der Einrichtungsleiter die Referentin willkommen und wünschte viel Spaß. Tina Friederich ist Professorin für Pädagogik, vor allem im Fachbereich der Kindheitspädagogik. Elf Jahre arbeitete sie am Deutschen Jugendinstitut; dort unter anderem für die sprachliche Bildung, die Zusammenarbeit mit Eltern oder im Schwerpunkt "Inklusion – Behinderung". Aktuell ist sie Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung in der Kindheit (BAF BEK e.V.) und kann insgesamt auf einen sehr großen Erfahrungsschatz in der Mehrsprachigkeit blicken.

Als Person sich angenommen fühlen

Wie eine Statistik belegt, wächst in der Metropolregion Rhein-Neckar jedes 4. Kind neben Deutsch auch mit einer weiteren Sprache auf. Dies betrifft die Altersspanne der 3- bis 6-Jährigen. Wo stehen wir aktuell beim Thema Mehrsprachigkeit? Diese Frage griff Prof. Dr. Tina Friederich zu Beginn ihres Vortrages auf und stellte in den Fokus, dass es sich hierbei um keine Sonderaufgabe in einer Kindertageseinrichtung handelt, sondern um einen Bestandteil einer inklusiven sprachlichen Bildung. "Alle Kinder sollen eine gute Unterstützung erhalten, unabhängig von den jeweiligen Voraussetzungen, die sie mitbringen. Davon profitieren sollen auch solche Kinder, die zum Beispiel eine Sprachentwicklungsverzögerung aufweisen", sagte die Referentin. Eine gute Grundlage hierfür ist, dass jedes Kind das Gefühl spüren muss, als Person in der Einrichtung angenommen zu sein. "Wer sich sicher in der Umgebung fühlt, kann sich anschließend besser entfalten", sagte Friederich.

An oberster Stelle sollte die richtige Haltung der pädagogischen Fachkräfte und des Teams stehen, damit das Konzept funktioniert. Nur gemeinsam gelingt es, Mehrsprachigkeit in Gruppen zu integrieren. "Denn dort ist die Basis für die weiteren Schritte. Die Wertschätzung von Mehrsprachigkeit geschieht durch konkrete Handlungen wie die Raumgestaltung, aber auch mehrsprachiges Sprachhandeln sollte zugelassen und unterstützt werden", betonte die Professorin für Pädagogik. Zum Beispiel können zweisprachige Bilderbücher angeschafft, Vorlesepaten eingesetzt oder Spiele aus aller Welt genutzt werden. Wichtig ist deren Sichtbarkeit hervorzuheben. Weiterhin sollte das Thema in der Konzeption und Sprache des Hauses verankert sein. "Im Kindergarten kann man etwa neben Worten auch mit Piktogrammen arbeiten, denn diese werden auch verstanden und liefern vielleicht neue Möglichkeiten, miteinander ins Gespräch zu kommen", empfahl Prof. Dr. Friederich. Bei den Angeboten sollte das Personal darauf achten und immer wieder versuchen, die Mehrsprachigkeit einzubeziehen – das könne auch in der mathematischen Bildung sein. "Vielleicht Fragen Sie die Kinder, ob sie Zahlen in anderen Sprachen oder darüber Mengenverhältnisse darstellen können. Überlegen Sie dies im Vorfeld", machte die Referentin klar.

Im Team über Erfahrungen sprechen

Schwieriger wird es dagegen allerdings bei zufälligen Situationen, die sich ergeben. Ein "Geheimrezept" gibt es für solche Fälle zwar nicht, doch die Kinder sollten gezielt ermutigt werden, eigene Sprachen zu nutzen. "Erst durch das Sprechen wird eine Sprache erworben. Zunächst nehmen die Kinder nur passiv Sprache wahr und probieren sich nicht aus. Das gilt auch für diejenigen, die mit einer Sprache aufwachsen. Deshalb immer wieder Momente schaffen, in denen aktiv gesprochen wird – auch wenn nicht alles perfekt ist, das muss es nämlich gar nicht", so Tina Friederich. Ein weiterer Bestandteil des Online-Vortrages waren die vorhandenen Potenziale. Mehrsprachigkeit sollte, wenn möglich, regelmäßig in den Teambesprechungen aufgegriffen werden. "In vielen Einrichtungen, so meine Erfahrung, kann nicht jede Fachkraft zur Fortbildung gehen. Meistens häufig nur eine, weil auch viele andere Themen wichtig sind", sagte die Referentin. Für einen Kindergarten können etwa Reflexion-Tandems gebildet oder ein Fortbildungstag veranstaltet werden. Auch die Qualität der sprachlichen Bildung sollte im Auge behalten werden.

Gefühle der Kinder werden erst über die Familiensprache transportiert. "Gemeinsam wird darüber gelacht und getröstet, weshalb es gilt, diese wertzuschätzen. Diese Sprache müssen wir den Kindern auch lassen. Nicht alle Eltern können nämlich so gut Deutsch und da wäre die Bindung zu den Kindern in Gefahr. Eine Verständigung mit der Großmutter solle ebenfalls klappen", lautete die Empfehlung der Rednerin. Immer wieder kommt die Frage auf, ob denn eine Sprachmischung schädlich sei. "Ich finde, es ist doch gerade das gute, wenn Kinder über eine hohe Sprachkompetenz verfügen. Werden sie mit der einen Sprache nicht verstanden, versuchen sie, mit der anderen Sprache weiterzukommen. Und immer steht das Deutschlernen im Fokus", sagte Prof. Dr. Friederich. Einige Worte aus anderen Sprachen wurden in geringem Umfang bereits in die deutsche Sprache integriert. Um einen ähnlichen Sprachwortschatz zu entwickeln, brauche es seine Zeit. Das ist aber nichts Ungewöhnliches, da mit dem Erwerb jeder Sprache Herausforderungen auftreten. Fachkräfte sollten immer als Sprachvorbild auftreten und auf eine klare Aussprache achten sowie nicht zu einfache Sätze nutzen. Offene Fragen helfen, ein umfangreicheres Gespräch zu führen.

Hilfreiche Checkliste für Betreuungskräfte

Während des Vortrages tauchte im Chat eine Frage auf: Darf ich im Kindergartenalltag Fragmente von anderen Sprachen nutzen, auch wenn ich die Sprache nicht oder nur wenig spreche oder setze ich dem Kind damit falsche Signale? Die Antwort der Professorin für Pädagogik war ganz klar: Ja! "Kinder wollen ja verstanden werden. Und das kann auch durch die Mimik erfolgen. Die Kinder merken, wenn sich jemand bemüht und gemeinsam wird versucht, das Beste zu tun". Außerdem sind Beobachtungen im Alltag eine Unterstützung, wobei Fehler auch Bestandteil der Sprachentwicklung sind. Die Kinder sollten ganzheitlich betrachtet werden – auch zusätzliche Informationen einholen sowie sich über Interessen informieren und das Verhältnis in der Familie. Die Referentin stellte Beispiele aus der Broschüre "Bildung braucht Sprache" vor. Darin sind Checklisten vorhanden, mit der pädagogische Fachkräfte und Lehrkräfte besser arbeiten können. "Es hilft, die Sprache nicht abzuwerten, sondern fragen, wenn etwas nicht verstanden wird", lautete ein weiterer Tipp. Wichtig sei auch, dass die Kinder untereinander die Sprache sprechen und in diesem Bereich stecke ein erhebliches Potenzial – das Stichwort hier sind die sogenannten "Peers".

Sind Kinder in einer Gruppe integriert, ist der Spracherwerb deutlich einfacher. "Das ist eben wie bei einer Party. Kenne ich nur den Gastgeber, braucht es Vorstellungsprozesse. Die Kinder müssen sich so ebenfalls gegenseitig bekanntmachen und möglicherweise haben sie gleiche Interessen", verdeutlichte Prof. Dr. Tina Friederich. Neue Kinder können damit zusammengebracht werden. Wichtig sei auch, Erwartungen und Angebote mit den Eltern zu klären und die Familien in die sprachliche Bildung der Kinder einzubeziehen. Meist bestehen nämlich unterschiedliche Vorstellungen aufgrund kultureller Hintergründe. Ein offener Umgang miteinander kann sehr helfen. Nachfolgend lieferte der Vortrag wertvolle Tipps und Anregungen für die Kommunikation zwischen Familien und Fachkräften: Sich nach den Sprachen der Familien erkundigen, einzelne Wörter in der Sprache lernen, die Namen korrekt aussprachen (korrekte Aussprache erfragen), bei Bedarf Dolmetscher hinzuziehen, bereit sein, sich mit Händen und Füßen zu verständigen, visuelle Hilfsmittel wie Piktogramme verwenden, auftretende Fragen offen mit allen Familien besprechen.

Abschließend ihres Vortrages fasste die Referentin zusammen, dass es sich lohne, Strukturen in den Blick zu nehmen und bereits die Zusammensetzung der Kindergruppe könne Unterschiede hervorrufen – "Nutzen Sie das Potenzial eines mehrsprachigen Teams!". Zwar sei die Forschung in dem Bereich noch nicht sehr weit und dies mache es schwer, richtige Verhaltenshinweise zu geben, aber es ist hilfreich, dazu passende Materialien anzuschaffen und Rituale einzuführen, die die mehrsprachige Bildung unterstützen. "Bei der sprachlichen Bildung -ebenso bei der Mehrsprachigkeit- handelt es sich um eine Teamleistung von Kindern, Familien und pädagogischen Fachkräften. Im Alltag sollen wir häufig mit den Kindern ins Gespräch treten", sagte die Professorin für Pädagogik. Für Fragen stand sie im Anschluss gerne zur Verfügung. Thomas Sebert vom AWO-Familienzentrum Kirschenstraße bedankte sich für den tollen Vortrag: "Das war eine sehr komprimierte Darstellung in sehr handlichem Format". Um die Ausführungen weiterzugeben, erhalten nun auch die weiteren Kindertagesstätten der AWO sowie der Vorstand die Präsentation.



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